Schmerz

Die Ausstellung SCHMERZ spürt den vielfältigen Darstellungen und Äußerungen des Schmerzes nach: in einem neuzeitlichen Kreuzigungsgemälde, dem Präparat einer Gichthand, einer Videoinstallation Trauernder, flimmernden elektrischen Impulsen einer Nervenzelle, einem Schrei. Die gemeinschaftsstiftende Funktion des Schmerzes nimmt sie dabei genauso in den Blick wie die Versuche, ihn zu beobachten, zu analysieren, zu suchen oder wieder loszuwerden. Sie zeigt, dass Schmerz immer beides sein kann: subjektiv und objektiv, kreativ und destruktiv.

Die beiden Ausstellungsorte, der Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart und das Berliner Medizinhistorische Museum der Charité, sind Programm und Herausforderung zugleich. Mit Kombinationen und Konfrontationen von künstlerischen Arbeiten, medizinischen, volkskundlichen, religiösen und alltäglichen Objekten begibt sich die Ausstellung auf einen Grenzgang zwischen Wissenschaft und Kunst. SCHMERZ versteht sich als Experimentierfeld für neue visuelle und inhaltliche Impulse aus den unterschiedlichen Bild- und Dingwelten und stellt die traditionell an die beiden Museen geknüpften Erwartungen und Sehgewohnheiten zur Disposition.

Die Ausstellung gliedert sich in vier Schwerpunkte. Während in „Ansichten des Schmerzes“ der Schmerz des Anderen und der Umgang mit ihm im Mittelpunkt stehen, ist im „Reiz des Schmerzes“ der eigene Körper als Erfahrungsinstanz und Erkenntnisinstrument der ambivalente Protagonist. „Die Zeit des Schmerzes“ führt vor, wie sich unsere Vorstellung von Schmerz über die Jahrhunderte hinweg verändert hat, aber auch, wie sehr der Schmerz das Leben rhythmisiert und zum Sinnträger wird. Der „Ausdruck des Schmerzes“ schließlich konzentriert sich auf die Spannung des geistigen und körperlichen Ausdrucks von Schmerz: in Worten, Skulpturen, Musik und Präparaten.

Zur Ausstellung erscheint ein Begleitband mit Abbildungen der ausgestellten Kunstwerke und Objekte sowie mit rund 20 Essais, die den Schmerz aus medizinischer und alltäglicher, philosophischer und religiöser sowie wissenschafts- und kunstgeschichtlicher Perspektive beleuchten.

Unter anderen werden Werke von folgenden Künstlern gezeigt: Marina Abramovic, Francis Bacon, Joseph Beuys, Louise Bourgeois, Nathalie Djurberg, Hans Baldung Grien, Bruce Nauman, Mathilde ter Heijne, Giovanni Battista Tiepolo, Bill Viola, Sam Taylor-Wood.

Pressestimmen

„In seiner feierlichen Stille verwandelt sich jedes Ausstellungsding in ein Individuum mit Geschichte... Es ist diese Wirkung auf die auch das Kuratorenteam Annemarie Hürlimann und Daniel Tyradellis gesetzt haben.
Versammelt sind Objekte aus Kunst und Wissenschaft: Kreuzigungsbilder, Operationsbesteck, Laborutensilien oder Videoinstallationen. Eingekleidet wurden sie in eine Ausstellungsarchitektur aus schneeweißen Vitrinen, Tischen und Wänden. Im Unterschied zum Film gibt es kaum Ton, keine Erzählung, Schmerz wird nicht vergegenwärtigt, sondern analysiert. Und in diesem selbstbewusst gewahrten Abstand zum Film gelingt eine beeindruckende Ausstellung. Ihr Effekt ist das Gegenteil zu Kino und Fernsehen: keine Überwältigungsästhetik, keine Tagesaktualität, sondern ein Gefühl, als ob man in einer eingeschneiten Landschaft spazieren ginge und dort, wo die Schneedecke aufreißt, plötzlich auf Unerwartetes stieße. ...
Herausragend ist die Ausstellung vor allem dann, wenn die Objekte miteinander in Beziehung treten: ein Raum zeigt das Triptychon des englischen Malers Francis Bacon „Crucifixion“ von 1965 zusammen mit einer Vitrine aus der Pathologischen Sammlung der Charité. Gemalt sieht der Betrachter bei Bacon verstümmelte, sich wendende Körper – eingelegt in der Vitrine: herrenlose Organe aus dem neunzehnten Jahrhundert. Sie verleihen Bacons Malerei beklemmende Fleischlichkeit. Umgekehrt gibt Bacon den im Spiritusglas schwimmenden Organen ihren Körper zurück, verstümmelt.“
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07|04|07

Die Kunst aber hat, in Europa wenigstens, ihren festen Bezugspunkt im Leiden Christi. Alle Rede und jedes Bild vom Schmerz kommt irgendwie immer auf diese eine Figur zurück: ein Balken längs, einer quer, darauf die Gestalt, die zuschanden wird. Gott ist Mensch geworden, behauptet das Christentum, und belegt es mit diesem Anblick, ohne den die Menschwerdung eine geschenkte Übung, ein Maskenball bleiben müsste. Etliche solcher Gemälde versammelt die Ausstellung. Selbst ein Gegner des Christentums wird darin eine tiefe Aufrichtigkeit erkennen. Der Schmerz ist nicht nur der Gegenpol zu Glück und Lust, er ist mehr als sie. Ein bloß in der Lust glücklicher Mensch wird mit sich selbst gar nicht richtig bekannt, er weiß gewissermaßen nicht, dass er ein Wesen der drei Dimensionen ist und sein schmaler Körper Raum für Abgründe hat.“
Süddeutsche Zeitung, 05|04|07

„Es ist eine ehrgeiziges Unterfangen, wie man es von beiden Häusern noch nicht kannte: Mit der gleichberechtigten Präsentation von rund 100 Exponaten aus Kunst und Wissenschaft nähert sich die Schau dem schwer zu fassenden Phänomen, das am stärksten doch in seiner eigenen, dumpf-pochenden, stechenden, brennenden Sprache spricht.“
Art, 7/07

„Es macht die Stärke dieser dunklen Reise aus, dass Exponate jenseits ihrer Platzierung im Besucherkopf korrespondieren. Unter dem Titel „Compassio“ hängen dementsprechend einander gegenüber: ein Video Bill Violas, auf dem Schauspieler Mitgefühl imitieren – und Fotos von Schmerzexperten der Charité, Profis mit abgesenkten Mundwinkeln, zwischen nötiger Distanz und portionierter Sympathie. Mitleid, sagt der Katalog, sei ein Schmerz, den wir nicht haben.“
Der Tagesspiegel, 05|04|07

„Fein säuberlich liegen sie auf dem zehn Meter langen, weißen Seziertisch. Dicht an dicht, exakt abgemessen ist der Abstand zwischen den einzelnen Instrumenten. Kein Schrei, kein Blut, keine Qual. Und doch lässt der Anblick erschaudern. Uterusmesser, Kopfsäge, Harnröhrendehner, Myombohrer – der Schmerz kennt viele Ausdrucksformen. Der Betrachter leidet mit. Aber mit wem? Vielleicht mit sich selbst. Es ist seltsam, wie sich in diesen leblosen Werkzeugen die Flüchtigkeit und Zerbrechlichkeit menschlicher Existenz spiegelt. Der Anblick entlarvt, was wir verdrängen: Angst, Krankheit, Kontrollverlust, Bewusstlosigkeit.
Diese teilweise monströsen Operationsinstrumente, die von Donnerstag an im Hamburger Bahnhof zu sehen sind – sie zeigen, wie abgründig, komplex und schwer zu greifen das Phänomen „Schmerz“ ist. Die beiden benachbarten Häuser, der Hamburger Bahnhof und das Medizinhistorische Museum der Charité, beschäftigen sich erstmals in einer Doppelausstellung mit diesem Thema.“
Die Welt, 05|04|07

„Die wichtigste Ausstellung des Hamburger Bahnhofs für 2007“.
Bayerischer Rundfunk BR2

„The connection between art history and the history of science is still a theme that most museums are not interested in. In this context, Pain is an exhibition about the history of ideas. As the curators say, it sets out in search of pain – its forms, its productivity, its diagnosis, its treatment and its riddles. The team includes Eugen Blume, from the Hamburger Bahnhof, and Thomas Schnalke from the Medizinhistorisches Museum, and Annemarie Hürlimann and Daniel Tyradellis from the Praxis of Exhibitions and Theory, a quite uncommon curatorial team per se that consists o an Art Historian and a Cultural and Media historian (certainly possible only in Germany) who develop interdisciplinary projects.”
ARTECONTEXTO, 3/2007

Unterstützt durch die

Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin

und den

Logo Hauptstadtkulturfonds

 
Daten und Fakten:
 


Nationalgalerie – Hamburger Bahnhof Museum für Gegenwart, Berlin
 
und
 
Berliner Medizinhistorisches Museum der Charité
 
Ausstellungsfläche insgesamt: ca. 2000 qm

Besucher: 120.000

5. April – 5. August 2007

Konzept und Realisierung:
Praxis für Ausstellungen und Theorie in Zusammenarbeit mit dem Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité und dem Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart

Gestaltung:
Architekt Martin Kohlbauer, Wien

 

Links:
 


Hamburger Bahnhof
 
Medizinhistorisches Museum der Charité

 

Team:
 


Idee, Konzeption und Dramaturgie:
Annemarie Hürlimann, Nicola Lepp und Daniel Tyradellis

Ausstellungsleitung:
Annemarie Hürlimann und Daniel Tyradellis

Projektmanagement:
Vanessa Offen

Wissenschaftliche Mitarbeit:
Novina Göhlsdorf

Praktikanten:
Jan Dunzendorfer
Sandra Supplieth

 

Bilder:
 


zur Fotogalerie

 

Video:
 

 

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